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Zeitgenössische Kunst aus der Arktis
Marianne Herwig
Zeitschrift -Vernissage, 2005 September
Gallery M – Arctic Inuit Fine Arts bringt als erste Galerie die
zeitgenössische Kunst der Ureinwohner (indigener Volker) aus
Kanada und den U.S.A. nach Wien. Galeristin Marianne Herwig
zeigt wechselnde Ausstellungen von Inuit Kunst der Gegenwart aus
Kanada sowie der Indianer Nordamerikas. Sie wählt die Sammlungen
sorgfaltig aus; die präsentierten Künstler und Künstlerinnen
haben sich in prominenten Galerien einen Namen gemacht, die
Kunstwerke sind Einzel- und Sammlerstucke.
Im Herbst 2005 läuft eine Reihe von zeitgenössischer
Bildhauerkunst und Grafiken von Inuit-KünstlerInnen aus
verschiedenen Regionen.
Der Begriff “Zeitgenössische Bildhauerkunst der Inuit” bezieht
sich auf eine breite Skala von Werken kanadischer Inuit seit den
späten Vierziger-Jahren des 20. Jahrhunderts. Es ist eine
faszinierende Kunstform, die ihr Entstehen und ihre Dynamik zu
einen großen Teil dem Aufeinandertreffen zweier Kulturen in der
heutigen kanadischen Gesellschaft verdankt: der traditionellen
Inuit Kultur und der westlichen Kultur des 20. Jahrhunderts.
Die Schnitzereien haben in ihrer Schlichtheit einen Charme, eine
Unmittelbarkeit und Frische, durch die sie sich von bloßen
Souvenirs abheben; gleichzeitig vermitteln sie jedoch den
Eindruck von Unschlüssigkeit.
Die Nachfrage nach Kunst der Inuit ist in der letzten Zeit nicht
nur in Kanada und den U.S.A. sondern international ständig
gewachsen. Einige prominente europäische Galerien haben
regelmäßige Ausstellungen; in Berlin, Paris, London, Zürich
waren sogar ältere Sammlungen und bedeutsame Ausstellungen in
Museen zu sehen.
Die Inuit-Kunst der Gegenwart begann ihren Aufstieg Ende der
vierziger Jahre des 20. Jahrhunderts. Damals erkannte die
kanadische Regierung, dass das Kunsthandwerk der Inuit -
insbesondere die Steinarbeiten - einen potentiellen
Wirtschaftsfaktor für diese Menschen darstellte. In der Folge
förderte die Regierung die künstlerische Arbeit und
Handwerkskunst, aktiv unterstützt durch die Canadian Handicrafts
Guild. In den 50er und 60er Jahren des letzten Jahrhunderts
gründeten Inuit in den meisten Siedlungen des hohen Nordens
Konsumgenossenschaften (co ops) die sie selbst leiten; im
südlichen Kanada entstanden Vertriebsagenturen für Inuit-Kunst.
Heute bildet das Schnitzen von Skulpturen in vielen abgelegenen
Inuit-Siedlungen der Arktis eine wichtige und dringend benötigte
Einkommensquelle; darüber hinaus hat sich die Inuit-Kunst auf
dem Kunstmarkt ein internationales Ansehen verschafft.
Mittlerweile feiert bereits die zweite Generation der
Inuit-Kunstschaffenden internationale Erfolge.
Themen und Motive der Inuit Kunst
Auf den ersten Blick erscheinen die Inuit-Skulpturen relativ
homogen. Tatsächlich aber sind ihre Themen und Stilformen
ausgesprochen variabel. Die Motive und Themen der
zeitgenössischen Inuit-Kunst unterscheiden sich von Region zur
Region. Neben klassischen Motiven finden sich Darstellungen von
kunstvoll geschnitzten Tieren, wie tanzende Bären, Walrosse und
Eulen. Realistische Darstellungen wie Mutter und Kind, Jäger mit
Sohn, stehen neben surrealistischen und expressionistischen
Ansätzen, häusliches Leben ist ebenso Thema wie Dämonenfiguren,
Geister und Schamanen.
Der persönliche Stil der einzelnen Inuit-Künstler und
Künstlerinnen lässt sich bei genauerem Hinschauen leicht
erkennen. Manche KünstlerInnen wollen die Grenzen des Steins
ausweiten oder überspielen, sie schaffen dabei eine
bemerkenswerte Vielfalt an Figuren mit expressiven Gesten und
teils einer gewissen Theatralik. (Composition, Verwandelung der
Trummler als Shaman oder Tanzender Eule)
Das Volk der kanadischen Inuit hat weltweit den höchsten
Prozentsatz an KünstlerInnen. Der Grund dafür mag in den lange
überlieferten handwerklichen Fähigkeiten liegen, in den Mythen
und Traditionen, die in die Werke einfließen. Nicht zuletzt
spielt auch die Ermunterung durch den Staat eine Rolle, die
inzwischen auch zu übermannshohen Großfiguren geführt hat.
Unter der Verwandtschaft in Grönland finden sich einige wenige
SchnitzkünstlerInnen, dort erarbeitet man hauptsächlich kleine
Totenfiguren, so genannte Tupilaks.
In Kanada schnitzen auch viele Frauen Skulpturen. Andere
spezialisierten sich auf Fell – Stoffapplikationen oder
Steindrucke, als die Regierung Web- und Druckwerkstätten
einrichtete, und Papier und Farben in den Norden brachte.
Eine Künstlerin der ersten Stunden war Kenojuak Ashevak, heute
die Stammmutter eines ganzen Clans von KünstlerInnen. Sie war
bereits über 30 Jahre, als sie erste Zeichnungen zu Papier
brachte, die dann in Steindruck oder Kupferstich umgesetzt
wurden. Zwar gestaltet sie auch Skulpturen und Applikationen,
doch berühmt ist sie für die klare Linienführung und die
grafische Schlichtheit ihrer Zeichnungen, die viele nachfolgende
KünstlerInnen prägte. Im Gegensatz zu anderen KünstlerInnen
erzählt Kenojuak Ashevak in ihren Bildern selten alte Inuit
Mythen und Legenden. Statt dessen stellt sie Menschen, Geister
oder Tiere in den Mittelpunkt, besonders häufig Vögel und davon
Eulen in allen Spielarten. Ihre Grafiken finden sich heute auf
kanadischen Briefmarken und Münzen, sie erhielt nationale
Auszeichnungen und zwei Ehrendoktorwürden. Was ist Kunst? wurde
Kenojuak einmal gefragt, sie antwortete direkt: „Es ist das
Übertragen von Visionen aus dem Realen in das Unreale.“
Die Grafik der Inuit hat eine inzwischen vierzigjährige
Geschichte. Ihren Ursprung hatte sie in Cape Dorset auf Baffin
Island. Von hier aus breitete sich die Kenntnis der grafischen
Techniken auf andere Orte in den Northwest Territories und in
Nouveau Quebec aus. In jeder Region des arktischen Kanada
entstanden in kurzer Folge eines oder mehrere Grafik Zentren,
deren Produktionen in der Folge ihre eigene Note entwickelten.
Seit 1959 erscheinen an den einzelnen Orten jährlich
Kollektionen ausgewählter limitierter Drucke, die in ganz
Nordamerika und Europa ausgestellt und verkauft werden. Diese
Werke sind heute in öffentlichen und privaten Sammlungen im In-
und Ausland vertreten. |