Potlatch (schenken - geben):
Ein charakteristisches Kulturelement der Nordwestküste ist der
Potlatch, ein Sammelbegriff für verschiedene Formen von
Verdienst- oder Gedenkfesten, bei denen Geschenke verteilt
werden. Solche Feste konnten bei der Einsetzung eines neuen
Häuptlings, bei einer Hochzeit, beim Tod einer hochrangigen
Person, bei der Errichtung eines Wappenpfahls und vielen anderen
Anlässen stattfinden. Neben Gütern des täglichen Gebrauchs
wurden dabei auch besondere Prestige-Objekte verschenkt. Dazu
gehörten beispielsweise bemalte Kupferplatten, die nach jedem
Besitzwechsel in ihrem Wert stiegen. Geschnitzte und bemalte
Löffel, Schalen, Kisten und viele andere künstlerisch gestaltete
Objekte wurden speziell für Potlatch-Feste hergestellt. Bei
diesen Feiern wurden mythische Geschichten und Klanlegenden in
Form von Maskentänzen aufgeführt. Die Masken stellten mythische
Ahnen dar, böse Geister aus den Wäldern, Narren oder Tiere. Die
Tiermasken repräsentierten entweder das Wappentier einer Familie
oder ein Wesen aus der Mythologie.
Dabei kam es vor, dass Tiere sich in Menschen verwandelten, was
durch aufwendig gestaltete Klappmasken geschah. Die Kunst der
Nordwestküste hat ganz eigene Stilformen hervorgebracht, die mit
keiner anderen Region Nordamerikas vergleichbar sind. Allein die
Größe der Häuser mit ihren bemalten Fassaden ist beeindruckend.
Die davor aufgestellten acht bis zwölf Meter hohen Wappenpfähle
verstärken noch den Eindruck von Monumentalität. Diese Pfähle
zählen zu den sichtbaren Zeichen von Reichtum und Prestige. Sie
unterliegen keiner religiösen Verehrung, wie die falsche
Bezeichnung „Totempfahl“ glauben lässt, sondern kennzeichnen die
Ahnenreihe einer Familie und deren soziale Position. Solche
Pfähle entstanden als Auftragsarbeiten von professionellen
Künstlern, die sich für ihre Arbeit gut bezahlen ließen.
Ähnliches gilt für andere Schnitzwerke wie Boote, Kisten oder
Masken, die oftmals einen individuellen Stil aufweisen, so dass
man sie bekannten Meisterschnitzern des späten 19. Jahrhunderts
zuordnen kann. Die ethnologische Kunstforschung hat in diesem
Bereich bereits einige Fortschritte gemacht.